Management-Theoretiker Prahalad “Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag”

Manfred Engeser 26.12.2009  

Management-Vordenker C. K. Prahalad fordert Nachhaltigkeit statt Profitdenken als Selbstzweck.

Management-Vordenker C.K. Prahalad fordert Nachhaltigkeit statt Profitdenken als Selbstzweck

WirtschaftsWoche: Mister Prahalad, das Krisenjahr 2009 ist überstanden. Welche Herausforderungen warten auf die Unternehmen 2010?

C.K. Prahalad: Sie müssen sich der zentralen Frage stellen: Welche Spuren hinterlässt ein Unternehmen mit seinem Handeln?

Sie haben jahrelang Schlagworte wie Kernkompetenz gepredigt. Sind Sie zum Öko-Jünger mutiert?

Ich beobachte nur eine unausweichliche Entwicklung: Unser traditionelles Verständnis von Unternehmensführung – das Schielen auf kurzfristiges Wachstum – hat sich überlebt. Nachhaltigkeit wird zum neuen Maßstab für Erfolg.

Glauben Sie wirklich, dass sich Unternehmen derzeit mit solchen Kategorien beschäftigen? Die wollen doch vor allem wieder schwarze Zahlen schreiben.

Das geht aber nur, wenn sie ihr Selbstverständnis auf ein neues Fundament stellen. Unternehmen müssen sich ihre Lizenz zum Wirtschaften neu verdienen. Wir brauchen einen neuen Gesellschaftsvertrag.

Große Worte, aber wie soll der aussehen?

Im Mittelpunkt unternehmerischen Handelns müssen die Fragen stehen: Wie kann ich das Leben der Menschen verbessern? Wie langlebig sind meine Produkte, wie stark greift ihre Produktion in die Umwelt ein? Wie viel Energie, wie viel Wasser verbrauchen wir, wie viel CO2 produzieren wir? Darauf muss ein CEO künftig Antworten finden.

Und die Fragen nach mehr Umsatz und höherem Gewinn stellen sich ihm nicht?

Doch. Gewinne sind für Unternehmen so unverzichtbar wie Sauerstoff für das Leben auf der Erde – Krise hin oder her. Aber mehr Umsatz und höherer Gewinn dürfen nicht länger Selbstzweck sein. In Zukunft geht es darum, neue Bilanzen vorzulegen – mit Kennzahlen jenseits der traditionellen Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Nachhaltiges Wirtschaften muss zentraler Maßstab unternehmerischer Entscheidungen werden. Auch im Interesse der Aktionäre.

Zum Aufschwung mit mehr Solarzellen und Windrädern?

Nachhaltigkeit bedeutet weit mehr als Umweltschutz – nämlich Rücksicht zu nehmen auf Interessen von Kunden, Mitarbeitern, Lieferanten, politischen Interessengruppen. Sich Gedanken zu machen über die sozialen Folgen des unternehmerischen Handelns – und das, in Zeiten der Globalisierung, weit über Städte- oder Landesgrenzen hinaus. Wie gehen Unternehmen also um mit den sozialen Folgen einer Jobverlagerung von Hamburg nach China? Nur wer das verinnerlicht, wird gerüstet sein für die zweite große Herausforderung unserer Zeit.

Welche meinen Sie?

Die extrem gestiegene Volatilität praktisch aller Faktoren, die ein Unternehmen beeinflussen. Selbst wer in Sachen Produktivität, Qualitätssicherung, Produktzyklus und Geschwindigkeit seine Hausaufgaben erledigt hat, kann sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen. Schon eine Budgetplanung, die nur einmal jährlich stattfindet, ist sinnlos bei einem Ölpreis, der innerhalb von zwölf Monaten von 55 auf 150 Dollar pro Barrel steigt und dann wieder auf 45 Dollar runtergeht. Gleiches gilt letztlich für jeden Vertrag, den Unternehmen schließen – ob mit Kunden, Lieferanten oder Mitarbeitern. Auch Regierungen werden schneller abgewählt, politische Entscheidungswege komplexer: Statt von sieben werden Weltwirtschaftsgipfel heute von 20 Staaten bestimmt. Nicht zu vergessen Themen wie Bevölkerungswachstum, Terrorismus, Völkermord, Seuchen – diese Entwicklungen beeinflussen das Verbraucherverhalten und damit die Wirtschaft weltweit.

Das gilt doch seit Jahren. Und einen Vorstand für Corporate Social Responsability gibt es in jedem größeren Unternehmen.

Nachhaltigkeit war doch, seien wir ehrlich, bisher für die meisten Unternehmen nicht mehr als eine Worthülse. Wie ein lästiger Stichpunkt auf der Agenda, der irgendwie abgehakt werden musste und vor allem Geld kostete. So wie wir vor 30 Jahren begonnen haben, Qualität nicht als Kostentreiber, sondern als langfristiges Mittel für niedrigere Kosten zu verstehen, wird nachhaltiges Wirtschaften zum zentralen Treiber für Innovation.

Aber was bedeutet das denn nun für das Management von Unternehmen?

Sich nicht mehr so stark auf die gesättigten Märkte der Industrienationen zu konzentrieren, sondern neue Märkte zu erschließen, vor allem in Entwicklungsländern. Es gibt weltweit derzeit rund vier Milliarden Menschen, die darauf warten, am Wohlstand teilnehmen zu können. Das sind keine Wohlfahrtsprojekte, sondern brachliegende Märkte mit großen Chancen auf Gewinne.

An welche Branchen denken Sie?

An alle Bereiche des Alltags. Schließlich wollen auch diese Menschen telefonieren oder im Internet nach Informationen suchen. Sie brauchen Lebensmittel, die gegen Parasiten resistent sind, oder Medikamente, die wirksam und bezahlbar sind.

Zur Person

Prahalad, 68, gilt als einer der einflussreichsten Management-Theoretiker weltweit. Der gebürtige Inder ist Professor für Unternehmensstrategie an der University of Michigan.

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