Muhammad Yunus: Social Business

Das neue Buch von Muhammad Yunus ist vergangene Woche erschienen:

Social Businesses werfen Nutzen statt Gewinn ab – Das von Friedensnobelpreis-träger Yunus vorgelebte Wirtschaftskonzept fasst auch in Österreich Fuß

Verkehrte Welt im wirtschaftlichen Denken: Oberste Priorität hat der Nutzen für die Menschen, nicht – wie gewohnt – der Profit. Diese Idee greifen Social Businesses auf. Maßgeblich entwickelt hat dieses Wirtschaftskonzept Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Es ist ein Geschäftsmodell, das auf die innovative Lösung sozialer Probleme mit unternehmerischen Mitteln abzielt – und das langfristig. In Österreich gibt es ein paar große Vorreiter, die zeigen wie es funktionieren kann und eine neu eröffnete Plattform bietet Raum für kleinere Unternehmen.

Gewinn bleibt nicht im Unternehmen (falsch!), sondern wird wieder zu sozialen Zwecken investiert. Das Ziel laut Yunus’ Definition: die Überwindung von Armut oder die Lösung von Problemen, die Menschen und Gesellschaft bedrohen. Konkret sind Branchen wie Gesundheit, Bildung, Zugang zu Technologie und Umweltschutz potenzielle Kandidaten für Geschäftsideen, die ökonomisch, finanziell und ökologisch nachhaltig sein sollen.

Harte Währung, sozialer Auftrag

Passt aber auch beinhartes Finanzgeschäft mit sozialen Bestrebungen zusammen? “Finanzdienstleistungen sind komplett andere Produkte wie beispielsweise Joghurts – hat jemand keinen Zugang dazu, hat er es schwer sich am sozialen und ökonomischen Leben zu beteiligen. Ohne Bankkonto gibt es Probleme mit dem Job, Arbeitgeber bezahlen nicht in bar, für Überweisungen muss man auf die Post rennen und Erlagscheingebühren bezahlen. Sozialleistungen muss man sich persönlich abholen”, klärt Boris Marte, Mitglied im Vorstand der Erste Stiftung, auf. Die Erste Stiftung hat Die Zweite Sparkasse gegründet, eine völlig eigenständige Bank mit ehrenamtlichen Mitarbeitern – mit sozialer Idee.

Die Bank sucht sich die Kunden nicht selbst: sie kommen über soziale Stellen wie die Caritas oder die Schuldnerberatung und haben aus verschiedenen Gründen keinen Zugang zu Bankdienstleistungen. Vorbild ist die von Friedensnobelpreisträger Yunus gegründete Grameen Bank, die im indischen Bangladesh Mikrokredite vergibt – an Arme, an Frauen mit kleinen Gewerbetätigkeiten. Das trägt wiederum zur Stabilität der indischen Gesellschaft bei. Dass eine Zweite Sparkasse auch in Österreich notwendig ist, zeigen die fast 6.000 Kunden. Monatlich kommen laut Marte 200 neue Kunden dazu – aufgrund der Krise, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit.

Ein ähnliches Konzept verfolgt good.bee in Zentral- und Osteuropa – die von der Erste Stiftung und der Erste Bank gegründete Initiative ist in zweierlei Hinsicht aktiv: Sie vergibt Mikrokredite – vorerst in Rumänien – und greift andererseits Social Entrepreneurs bei der Startfinanzierung unter die Arme. “Es gibt 35 Millionen Menschen in Zentraleuropa, zum Beispiel in der Ukraine und Rumänien, die Bedarf haben”, so Sava Dalbokov, Chef von good.bee. Diese Menschen haben keinen Zugang zu Bargeld, sind einkommensarm und/oder leben in entlegenen Gebieten. Junge, alternative Unternehmen werden zudem von herkömmlichen Banken meist nur bedingt unterstützt. Die Initiative fördert deswegen in zweiter Linie mittels Startfinanzierung und Know How Entrepreneurs, die innovative, wirkungsvolle Ideen haben und wirtschaftliche Nachhaltigkeit beabsichtigen, häufig sind das auch Marktnischen.

Plattform für Social Entrepreneurs

Ein solch start-finanziertes, sozial-unternehmerisches Konzept hat sich nun auch in Wien angesiedelt, The Hub Vienna. Das globale Netzwerk Hub World umfasst 20 Hubs. Es hat Plattformwirkung für die Verbreitung von Social Business, über Mitgliedsbeiträge finanziert es sich auch wirtschaftlich nachhaltig. Ähnlich einem Mobilfunkvertrag können sich Social Entrepreneurs dort einmieten: zeitbasierte Tarifmodelle bieten flexiblen Zugang zu Raum, Netzwerk, Technik und Know How. Seit 3. Mai läuft im The Hub Vienna der Betrieb. Einmieten kann sich dort potenziell jeder, der die Kriterien erfüllt. “Die Palette der neuen Mieter reicht von Studenten über ehemalige Geschäftsführer, die eigenen Ideen nachgehen bis zu Bankern, die in ihrer Freizeit an einem Projekt arbeiten. Wir sind offen für alle möglichen Geschäftsmodelle, aber sie sollen Probleme anpacken”, so Hinnerk Hansen von The Hub. Soziales wiege über Finanziellem, der Beitrag zum gesellschaftlichen Wandel sei entscheidend.

Konkret haben sich Social Businesses wie die Online-Plattform Cropster dort angesiedelt: Sie fungiert als Drehscheibe zwischen Kaffeebauern, Zwischenhändlern und Röstern und will den Markt für die Bauern transparenter machen. Ein anderer Mieter ist das Magazin für einen nachhaltigen Lebensstil “Biorama”. Eine 3D-Ausstellung bekannter Kunstwerke zum Erleben durch Blinde und Sehbehinderte durch das Kunterbunt Museum ist ein weiterer Vertreter. Auch die Macher des Social Impact Award – Award und Community zur Unterstützung junger Social Entrepreneurs in Österreich – haben sich im Hub eingemietet.

Was muss ein Social Entrepreneur an der Schnittstelle von Wirtschaft und Gesellschaft mitbringen? “Er oder sie muss eine eigene Unternehmensidee um- und Kreativität einsetzen können um Probleme zu lösen, die bedeutend sind”, konkretisiert Hansen, der selbst WU-Student ist. Ihm als Entrepreneur bringt das “inneren Erfolg und macht Spaß”.

Social Business geht auf Tour

Um die Idee des Social Business zu verbreiten, geht das Konzept auf Tour: mit Start am 11. und 12. Mai in Wien, macht die Social Business Tour anschließend in Prag, Belgrad, Budapest und Bukarest Station. Das Ziel: “Wir wollen die Finanzierungskompetenz sozialer Projekte zeigen”, so Dalbokov und zeigen, dass es möglich ist mit unternehmerischen Mitteln soziale Probleme zu lösen. Zweitens: “Die Herausforderungen der Zeit lassen sich nicht mehr mit bestehenden Systemen lösen, siehe Thema Pflege und alternde Gesellschaft. Im Umdenken stehen wir aber erst am Anfang. Die Menschen müssen aufwachen”, appelliert Marte. (derStandard.at, 6.5.2010)

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