„Das rechte Maß finden“ – was wir von einer seit 1500 Jahren existierenden Organisation lernen sollten

Serie Realitätsverweigerung #5

Reinhard Bacher, 12.11.2012

Wie können große Konzerne schnell, flexibel, kreativ sein und nachhaltig erfolgreich? Rosabeth Moss Kantner hat 2008 im Harvard Business Report das Ergebnis einer 2-jährigen Untersuchung großer erfolgreicher Konzerne publiziert.
Die Erkenntnis: Unternehmen wie IBM, Procter & Gamble, Omron und andere sind ebenso beweglich und kreativ wie wesentlich kleinere Unternehmen. Dies ist möglich, weil sich diese Unternehmen nicht mehr einer überwiegenden Command & Control-Logik unterwerfen, sondern ihr Leitsystem durch Purpose, Value & Principles (PVP) abgelöst wurde.
Das moderne Leitsystem der untersuchten Konzerne beruht demnach auf einem gemeinsamen Verständnis des (auf die Zukunft ausgerichteten) Unternehmenszwecks, der Werte und von Prinzipien, sowie weltweit verfügbaren, einheitlichen (Management-)Instrumenten.
Grundwerte und Standards dienen als Motivationshilfen, bieten Mitarbeitenden eine Basis, sich mit ihrer Arbeit zu identifizieren, vermitteln ein Zugehörigkeitsgefühl und bieten Stabilität.
Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, an einer beeindruckenden Veranstaltung im Stift Michaelbeuern teilzunehmen – „Das rechte Maß finden“! Zwei Tage anregende Auseinandersetzung mit einem erfolgreichen Unternehmen (wie alle Benediktinerklöster betreibt der Stift Michaelbeuern mehrere Profit- und Non-Profit-Bereiche), einer faszinierenden Führungspersönlichkeit (Abt Johannes Perkmann) und den alles bestimmenden Werten und Prinzipien (basierend auf den Regula Benedicti).
Die Ähnlichkeit der Erfolgsfaktoren der von R. M. Kantner beschriebenen Konzerne und des Benediktiner-Stiftes waren verblüffend!

In einem Forschungsprojekt der Universität Zürich wurden 2009 die Führungs- und Organisationsstrukturen der Benediktinerklöster untersucht. Das Führungssystem beruht auf drei Eckpfeilern:

  • Demokratische Strukturen und erhebliche Mitsprache-Rechte für die Mitglieder
  • Einbettung der Mitglieder in ein gemeinsames Wertesystem
  • Umfassende Autonomie der einzelnen Abteien (mit externen Audits)

So wie bei IBM die Unternehmenswerte des 21. Jahrhunderts eine Neuauflage jener Werte sind, die vor hundert Jahren festgelegt wurden, beruht das Wertesystem der Benediktiner auf den Regeln des hl. Benedikt – natürlich ausgelegt auf die heutige Zeit (Abt Johannes nennt das „elastische Tradition“).
R. M. Kantner erkannte in ihrer Forschungsarbeit, dass bei den untersuchten Konzernen nach wie vor Autorität ausgeübt wird und Aktivitäten koordiniert werden – doch dank weithin geteilter Werte und Prinzipien eine allgemeine Übereinstimmung spontaner besteht. Außerdem besteht ein weltweit starker Zusammenhalt und lokale Bedürfnisse werden positiv genutzt.
Ähnlich bei den Benediktinern: die Autorität ist durch die eingeführten Führungs- und Organisationsstrukturen vorgegeben, durch die Autonomie der Klöster werden die lokalen Bedürfnisse sowohl bei den betriebenen Wirtschaftsbereichen als auch in den Non-Profitbereichen Bildung und Spiritualität klar berücksichtigt. Und es besteht ein reger weltweiter Erfahrungsaustausch.
Ein wesentlicher Unterschied besteht jedoch: keines der von R. M. Kantner untersuchten Unternehmen besteht wie die Benediktiner seit 1.500 Jahren! Und die Benediktiner werden nicht immer wieder von Shareholdern getriebenen, deren überwiegende Erwartung oft nicht eine nachhaltige Unternehmenswirkung ist, sondern die kurzfristig hohe Renditen wollen.

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