Das Dilemma* mit kontinuierlichen Veränderungssystemen

Serie Realitätsverweigerung #7

von Helmut F. Karner

Es gibt dreierlei Arten von Problemen laut dem höchst originellen “Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen und Maßnahmen der hohen Hand” (“Denkerei”: Brock, Sloterdijk & Co.): :

  1. grundsätzlich unlösbare (weil sie z.B. den Naturgesetzen widersprechen)
  2. die „typischen lösbaren Alltagsprobleme“
  3. die epochenbezogen unlösbaren Probleme. „Jede Epoche, jede Gesellschaftsformation erzeugt in sich Probleme, die im Rahmen des Systems nicht lösbar sind”.

Dass die Politik zur Lösung der Probleme #3 nicht fähig ist, verwundert aus ihrer (falsch verstandenen) Not zum Kompromiss nicht. Dann muss halt die “Natur” die Probleme lösen: Finanzcrash, Klimawandel, demografische Veränderungen etc.

Was mich allerdings betrübt ist, dass meiner Schätzung nach die von den Unternehmen in ihrem Dilemma angestrebten Lösungen zu mehr als 90% in der Kategorie #2 stehen bleiben.

Und dann geht es ihnen allerdings  so wie dem Esel im Dilemma (siehe Fussnote*).

Viele der Veränderungen, die uns umgeben/bevorstehen, sind einfach nicht mehr im selben “Betriebssysstem” zu lösen:

  • der ehemalige Shell Manager und seit einer Woche Erzbischof von Canterbury, Justin Welby,  ist zum Schluss gekommen, dass das bestehende Finanz-System nicht mehr repariert werden kann, sondern ersetzt werden muss. “Dieses Finanzsystem ist höchst ineffizient und trägt in Summe nichts zum Gemeinwohl bei”.
  • Wir haben nicht nur ein Problem, das in Europa allein lösbar ist. Da z.B. zu verlangen, “die Deutschen sollen doch eine höhere Inflation pflegen, damit die Leistungsbilanz mit den Südeuropäern ausgeglichener wird”, vermindert vielleicht das Problem in Europa, führt aber nur noch zur weiteren Verschlechterung der europäischen Wettbewerbsfähigkeit. (“Kein anderes Land auf der Welt wird so stark Marktanteile verlieren wie der einstige Exportweltmeister. Die Bundesrepublik wird bis zum Jahr 2060 ihren Platz als fünfstärkste Wirtschaftsmacht der Welt abgeben und auf Platz zehn zurückfallen.”)
  • und die Bildungssysteme …
  • und die Sozialsysteme …
  • und der Klimawandel …
  • und manche unserer dummen  Ökonomen (und Politiker, und Nationalbankgouverneure, …) versichern uns noch immer dass wir aus der Krise “herauswachsen” können. Die sollten Tim Jackson gelesen haben: “Prosperity without Growth”
  • kontinuierliche Innovation ist nicht mehr genug in Zeiten von “Disruptive Innovation” und “Open Business Models”

Nach der “Reset Economy” wird es ein “New Normal” geben, und dieses wird diskontinuierlich anders sein, durch Brüche (“Breakpoints”) gekennzeichnet. Und da wirklt  das Verharren im selben Betriebssystem zur Problemlösung peinlich, hilflos, putzig.

Und doch lassen sich mehr als 90% der Unternehmen, Unternehmer, Führungskräfte von kontinuierlichen Ansätzen (TQM, KVP, Kaizen, Gemba-Kaizen, Six Sigma, …) einlullen.

Nichts gegen Qualität: aber wenn diese Systeme – nur weil man halt zertifiziert werden muss – zur alles-Übergreifenden Ideologie werden, dann ist das Ende in Sicht (>Esel). Als gelernter Mathematiker würde ich sagen: das ist eine notwendige Bedingung, aber sicher nicht eine hinreichende! Besser werden allein genügt heute nicht mehr, sondern anders werden, heisst die Devise: Regeln brechen, sich neu erfinden, vergessen, wie einmal der Erfolg geheissen hat! “Treat experienc as pest”, hat mein Lehrer Karl E. Weick einmal gesagt.

Peter Drucker hat es natürlich noch schöner formuliert: “Nothing is less productive than trying to make more efficient what should not be done at all!”

___________________________________________________________________________________________________________* Aristoteles’ Konzept des Dilemmas wurde vom französischen Scholastiker in das bildhafte Beispiel des Esels transponiert:  Ein Esel steht zwischen zwei Heuhaufen, die gleich weit von ihm entfernt sind. Wie also entscheiden? Nach links, zu Haufen Nummer eins? Oder doch nach rechts, zu Haufen Nummer zwei? In der mittelalterlichen Geschichte verhungert das Tier, weil es stehen bleibt. Was kann unsere Gesellschaft, die Staaten, die Unternehmen, der Einzelne daraus lernen?

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