Es hat sich bewährt …

Alexander Schön

Serie Realitätsverweigerung #12

Alexander Schön, 21.1.2013

Die aktuelle Diskussion rund um die Volksbefragung pro und contra Wehrpflicht hat bei mir des Öfteren zu verständnislosem Kopfschütteln geführt.
Es waren schon sehr eigenartige Rechtfertigungen – auf beiden Seiten der Argumentation. Und wenn die Anerkenntnis, dass Dinge einfach so sind, wie sie sind, nicht so traurig wäre, wär’s schon wieder zum Lachen. Beispiele?
Da erklärt doch tatsächlich jemand, das System der Wehrpflicht habe sich seit 60 Jahren bewährt und es sei daher das Beste, es beizubehalten. Zieht man in Betracht, dass sich die Umwelten dieses Systems in diesen 60 Jahren mehrfach verändert haben, so ist diese Aussage ziemlich realitätsfremd. Zieht man sie nicht in Betracht, schlichtweg realitätsverweigernd.
Nach der Wahl haben Wahlforscher Leute gefragt, die gerade aus dem Wahllokal kamen, ob sie denn für die Wehrpflicht oder die Beibehaltung des derzeitigen Systems (sic!) gestimmt hätten. Sie ahnen es: Nicht wenige votierten entrüstet für den Status quo …
Die etwas seriöseren fragten nach den Motiven für die Entscheidung. Eines, das im Vorfeld kaum zur Sprache kam, war: „Ein bisschen Disziplin schadet [den Jungen] nicht.“ (In der Gruppe der über Sechzigjährigen stimmten mehr als 70 Prozent für die Beibehaltung der Wehrpflicht …)
Was bedeuten solche Verhaltensweisen für Organisationen? In Unternehmen ist ja quasi jeder Tag ein Abstimmungstag. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen treffen jeden Tag die Wahl und geben Antworten: Bleibe ich dem Unternehmen verbunden oder nicht? Werden die richtigen Fragen gestellt? Und stehen dahinter nachvollziehbare Konzepte? Welche Möglichkeiten habe ich, mich einzubringen? Wie wird mit Veränderungen umgegangen? Sorgen die Führungskräfte als Vertreter des Unternehmens adäquat für notwendige Stabilität auf der einen Seite und für genügend Veränderung auf der anderen Seite? Werde ich ernst genommen (oder ist diese Befragung ein Anschlag auf meine Intelligenz)? etc.
Oder heißt es – wie nach wie vor beobachtbar: „Bei uns läuft das so.“ „Das haben wir immer schon so gemacht.“, eventuell mit dem Zusatz „…, weil es sich bewährt hat!“)?
Fast 20 Jahre ist es her, dass Hamel/Prahalad das wegweisende „Competing for the Future“ geschrieben haben. In dem Buch ist folgende Anekdote beschrieben:
In einem Experiment wurden 4 Affen in einen Raum gebracht. Darin befand sich ein Pfahl, an dessen oberen Ende ein Bündel Bananen befestigt war. Als der erste Affe auf den Pfahl kletterte und nach eine Banane griff, erhielt er von oben eine kalte Dusche. Er ließ von den Bananen ab und zog sich zurück. Auch den anderen Affen erging es nicht besser: sobald einer nach den Bananen griff, gab’s eine kalte Dusche und sie zogen ohne Bananen ab. Nachdem die Affen so konditioniert waren, wurde ein Affe ausgetauscht. Kaum machte sich dieser daran, auf den Pfahl zu klettern, griffen seine Gefährten nach ihm und zogen ihn herunter. Der Affe verstand die Botschaft: Klettere nicht auf diesen Baum! Nachdem er es noch ein paarmal versucht hatte, und jedes Mal zurückgeholt wurde, gab er das Unterfangen auf – ohne eine kalte Dusche erhalten zu haben.
Nun wurden die Affen der Reihe nach ersetzt. Jeder der neuen Affen versuchte, auf den Pfahl zu klettern – und wurde prompt von den anderen zurückgezogen. Keines der Tiere verstand, warum es nicht auf den Pfahl sollte, aber alle respektierten das Modellverhalten. Selbst nachdem die Dusche abmontiert wurde, wagte sich kein Affe auf den Pfahl hinauf.
Die Autoren weisen explizit darauf hin, niemanden als Affen bezeichnen zu wollen – ihnen ging es lediglich darum, zu zeigen, dass „die in Handbüchern, Unternehmensprozessen und Schulungspro-grammen verankerten Modelle häufig den Industriekontext, in dem sie entstanden sind, überleben.“
2013 ist noch jung: Nehmen Sie sich vor, regelmäßig auf das „Bewährte“ zu schauen.
Oder um es mit Bertold Brecht zu sagen:

Sieh deine Ansichten und sieh:
sie sind alt
Erinnere dich, wie gut sie einst waren!
Jetzt betrachte sie nicht
mit deinem Herzen, sondern kalt
Und sage: sie sind alt.
Komm mit mir nach Georgia
Dort, wirst du sehn, gibt es neue Ideen
Und wenn die Ideen
wieder alt aussehn
Dann bleiben wir nicht mehr da.

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