Feedbackkultur

Alexander Schön

Serie Realitätsverweigerung #14

Alexander Schön, 11.2.2013

In vielen Unternehmen ist wieder die Zeit der Mitarbeitergespräche und es ist sicher kein Zufall, dass sich die Anfragen für Coaching zum Thema herausfordernde Gespräche um diese Zeit häufen. Vielfach wird noch immer angenommen, man könne als Führungskraft seine Mitarbeiter in einem Gespräch bewerten, belohnen, bestrafen, vergüten, motivieren und entwickeln.

Mitarbeitergespräche sind zu einem kulturellen, fast anthroposophischen Symbol der väterlichen Boss-Untergebenen-Beziehung geworden, die charakteristisch ist für patriarchalische Organisationen. Dies ist eine Übung in Herrschaft, egal mit wie viel Sorgfalt sie betrieben wird.“ schreibt der amerikanische Organisationsberater Peter Block.

Was nottäte, wäre vielmehr eine Kultur des Feedbacks – einer steuerungsrelevanten Rückmeldung jenseits der persönlichen Befindlichkeit und hierarchie-orientierten Bewertung.

Ein schönes Beispiel für praktisches Feedback hat – wenn auch eher unbeabsichtigt – die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs geliefert. In dem international mehrfach prämierten TV-Spot “Blinde Piloten” (Wir sehen anders) wird für ein entspanntes Miteinander von sehenden und blinden Menschengeworben.

Stellen Sie sich folgende Szene vor:
Zwei Piloten spazieren in das Cockpit ihres Flugzeuges in Begleitung ihres Blindenhundes. Die Maschine startet, beschleunigt und erreicht das Ende der Startbahn kurz vor einem Steilabbruch ins Meer. Gleich wird es ins Wasser stürzen, fürchten die Passagiere, und fangen laut an zu schreien.
In diesem Moment zieht der blinde Pilot seinen Steuerknüppel zu sich und  das Flugzeug hebt ab. Zu seinem – ebenfalls blinden – Co-Piloten seufzt er: „Irgendwann werden die Leute zu spät schreien, und dann werden wir alle sterben!“ und fängt an zu lachen …

Welche Kultur zum Thema Feedback herrscht bei Ihnen im Unternehmen? Welche Art von Feedback geben (oder erhalten) Sie? Können/dürfen/wollen Sie immer sagen, was eine Handlung (oder auch Unterlassung) Ihrer Mitarbeiterin, Ihrer Führungskraft, Ihrer Kollegin bei Ihnen bewirkt hat?

In nicht wenigen Unternehmen wird das Grimm’sche Märchen von „Des Kaisers neue Kleider“ perpetuiert. Gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten, in Zeiten von reduzierten Budgets, Kostendruck und anderen krisenhaften Rahmenbedingungen geben die Mitarbeiter Ihren Führungskräften kaum offenes Feedback. Zu groß ist die Unsicherheit und wenn es eng wird, findet man eher die „Ja-Sager“ und „Nein-Meiner“.
Je höher so ein Verhalten die Hierarchie hinaufklettert, umso fataler sind die Entscheidungen, die oben getroffen werden. „Sehr vielen Top-Managern fehlt der Spiegel“ titelte der Standard im Karriereteil vom letzten Wochenende und fragte, inwieweit nicht die Führungskräfte genau für jene Bedingungen, die organisationale und individuelle Erschöpfung, Frustration und Rückzug verursachen, verantwortlich sind.

Das, was gebraucht würde, wären steuerungsrelevante Rückmeldungen, also neben der Klarheit, wie eine Person auf mich wirkt, vor allem Wissen darüber, was diese Person bei mir bewirkt.

Bei der in dem TV-Spot gezeigten Szene handelt es sich um echtes Feedback: Das Schreien ist eine Auskunft aus dem Umfeld der Passagiere. Es mag vielleicht kein sonderlich qualifiziertes Feedback sein, aber es ist wirksam.
Auch unterbleibt die unsägliche Verknüpfung von Feedback und Bewertung. Die Schreie signalisieren keine Rückmeldung, wie die Piloten gesehen werden. Rück zu melden, wie blind ein Pilot ist, ist dann sinnvoll, wenn man entscheiden muss, ob er ins Cockpit darf oder nicht. Dem Piloten zu sagen, dass er blind ist (oder wie blind er ist) ist schlichtweg dysfunktional – vor allem  wenn er bereits im Cockpit sitzt und fliegt …

Vielleicht erzählen Sie einmal beim nächsten Mitarbeitergespräch den Witz von den blinden Piloten; egal ob aus Sicht der Führungskraft oder aus Sicht des Mitarbeiters – er passt in jedem Fall …

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