Ein neuer Papst – und die falschen Anforderungskriterien?

von Helmut F. Karner, am Tag des Beginns des Konklaves (12/3) A_524-01-215

Gott sei Dank heisst es ja, der Heilige Geist hätte bereits den richtigen Papst gewählt, die 115 Kardinäle müssten nur noch herausfinden, wer es sei.

Das kann man nur hoffen (tat er es auch das letzte Mal?), denn der Dilettantismus, mit dem die grösste Organisation der Erde mit ihrer wichtigsten Personalentscheidung umgeht, ist nur mit Liederlichkeit zu beschreiben.

Wie würde eine professionelle Organisation damit umgehen:

  1. Eine genaue Zustandsanalyse erstellen, wohl ein bisschen länger als die Meetings der Kardinäle der vergangenen Woche
  2. Ein präzises Anforderungsprofil erarbeiten, in dem die Lösungsfähigkeit des jetzigen (unerträglichen) Zustandes angesprochen wird, zusammen mit den Kriterien Alter, Herkunft, Persönlichkeit, Charismen/Talente, Entwicklungsfähigkeit, fachliche und Managementqualifikationen
  3. Scouting, Scouting, Scouting. Warum macht das der CF Barcelona so, Bayern München, jeder bessere Konzern, die Kirche aber nicht? Ein neuer Papst muss ja kirchenrechtlich nach überhaupt nicht Kardinal sein, daher hätte man auch ernsthaft außerhalb der 115 suchen müssen. Dazu ist es wohl jetzt zu spät. Hätte man das mit den Anforderungskriterien des Alters z.B. ernst gemeint, dann gibt es wohl unter den im Konklave Vertretenen wohl nur 2-3 mögliche Kandidaten.
  4. Wenn wir heute für ein Unternehmen eine exekutive Führungskraft suchen, dann zählt in der Gewichtung:
    • 40% Leadership-Fähigkeiten, also eindeutig das Wichtigste. “A leader is someone who has inspired and energized followers”. Es gibt “Transformational Leadership” (im jetzigen Zustand der Kirche wohl wichtig – a la Johannes XXIII), aber auch “Transactional Leadership” (wie Mutter Theresa, ein rezenter Papst fällt mir dazu nicht ein – ausser vielleicht der frühe Wojtyla!). Und es gibt oft Menschen an der Spitze, die überhaupt keine Leadership Fähigkeit haben (dazu fallen mir wieder ein paar rezente Päpste ein!) “Leadership is to take people from where they are to where they have not been before!”
      Was unterscheidet übrigens “Great” Leaders von “Good” Leaders? Die Grossen haben noch zwei zusätzliche Eigenschaften: Demut/Bescheidenheit  und Konsequenz/Durchhaltevermögen!
      Dass dies Kardinal Schönborn bei seinen Kriterien (“der neue Papst muss hauptsächlich spirituelle Fähigkeiten haben”) nicht berücksichtigt hat, spricht eine besorgniserregende Sprache – ist er doch einer der Intelligenteren. Aber Leadership hat er halt auch überhaupt nicht! Man stelle sich vor, die Neuorientierung der Weltkirche würde so gemanagt wie die Organisationsreform der Erzdiözese Wien!
    • 30% Management-Fähigkeiten, ja, die Fähigkeit, eine Organisation zu managen. Welchen Stumpfsinn hört man da immer wieder: das sei nicht nötig, weil das mache doch ohnehin die Kurie. Diese Kurie? Also, allein um die Kurie zu “biegen” und zu einem wirklichen föderalen Koordinationsorgan zu machen, braucht es fast übermenschliche Management- und Organisationsfähigkeiten! Und dann heisst es doch, in die lokalen Bereiche der Weltkirche zu delegieren, also eine völlig neue Organisationsstruktur und -kultur zu schaffen.
    • 30% fachliche Qualifikation. Das ist bei den in Frage kommenden Kandidaten wohl nicht die grösste Sorge.
    • und dann gibt es eine oder mehrere Randbedingungen, die zur Gänze erfüllt sein müssen: hier würde ich dann die Spiritualität, die Frömmigkeit, das tiefe Gottvertrauen nennen, wohl aber auch eine absolut weisse Weste im Umgang mit Korruption, Finanzen, den unseligen Kinderschändungen und deren Vertuschungen.
  5. Damit hätten die Kardinäle wohl etwas entspannter ins Konklave gehen können!

Schau ma mal, wie sich der Heilige Geist im Recruitment Prozess bewährt!

PS: Haben Sie sich übrigens angeschaut, welchen grossartigen Erzbischof von Canterbury sich eben die anglikanische Kirche gegeben hat?

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One Response to Ein neuer Papst – und die falschen Anforderungskriterien?

  1. David says:

    Danke für den Beitrag.
    Was dem Papst, bzw der Kirche fehlt ist eine klare Vision. Irgendwie ging in den letzten Jahren der Nutzen verloren.

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