“Wir reden über Schönheit und Sinn”

Date: 27-07-2014
Source: DIE ZEIT

Der Potsdamer Unternehmensphilosoph Bernhard von Mutius über den kreativen Umgang mit der Digitalrevolution. EIN INTERVIEW VON UWE JEAN HEUSERvon Mutius

DIE ZEIT: Wie stellen wir uns am besten der Roboterrevolution?

Bernhard von Mutius: Digitale Maschinen werden uns zweifellos Arbeit wegnehmen. Die Frage ist nur, welche. Was also ist das Menschliche an den Mensch-Maschine-Kopplungen, die zunehmend die Wirtschaft bestimmen? Eines ist klar: Wenn wir menschliche Intelligenz nur als berechnete Rationalität sehen, werden die Maschinen uns viel mehr wegnehmen als nötig und den Menschen auch da ersetzen, wo er eigentlich unersetzbar ist.

ZEIT: Das heißt, wie wir auf uns schauen, bestimmt die Zukunft der Arbeit?

Von Mutius: Auf uns, auf die Maschinen, auf die Verbindung. Wir müssen uns mit der Frage befassen, was menschliche Intelligenz auszeichnet. Da reden wir über Kreativität, über schöpferisches Denken und Handeln, über Intuition, Mitgefühl, Schönheit und Sinn. Diese Themen gewinnen in Unternehmen längst an Bedeutung.

ZEIT: Wie sollen Unternehmen darauf reagieren?

Von Mutius: Wir brauchen eine Art Zweisprachigkeit. Einerseits müssen wir die Programme der Computer besser verstehen, auf der anderen Seite das Chaotische, das sich gerade nicht in Wiederholungen abbilden lässt – also das wahrhaft Individuelle. Wenn es in dieser digitalen Revolution einen Sinn gibt, dann dass dem Einzelnen eine ganz neue Bedeutung zukommt. Erstmals können wir in der Massenproduktion die Bedürfnisse des Einzelnen erfüllen.

ZEIT: Geht das konkreter?

Von Mutius: Zunächst brauchen Unternehmen ganz einfach die technischen Fertigkeiten für die digitale Revolution. Doch dabei kommt es zu einem Zusammenprall der Kulturen, weil Mitarbeiter nicht mehr mitkommen. Wenn sich Unternehmer dem stellen, müssen sie sich mit dem Menschen beschäftigen, müssen ihm die Möglichkeit geben, in dem Wandel einen eigenen Sinn zu sehen. Das wird zur Schlüsselfrage.

ZEIT: Das fängt doch schon bei der Bildung an.

Von Mutius: Bildung braucht eine neue Qualität, ja. Wir müssen nicht nur die mathematisch-technischen Fächer stärken, sondern auch die musischen Fächer, die Kreativität, die Kunst. Es geht eben nicht nur um technische, sondern auch um soziale Aufgaben.

ZEIT: Fast alle Experten sagen, dass die Roboterrevolution mehr Ungleichheit schafft. Brauchen wir deshalb ein anderes Umverteilungssystem?

Von Mutius: Wahrscheinlich ja. Ich habe nur die Sorge, dass die Politik das als simple Rechenaufgabe behandelt – und alle enttäuscht werden. Tatsächlich ist das eine gesellschaftliche Aufgabe, und wir müssen debattieren, welche Rollen dabei der Staat und die Unternehmen ausfüllen. Viele Unternehmen kümmern sich jetzt nicht nur um materielle Wertschöpfung, sondern auch um Freude und Wohlergehen ihrer Mitarbeiter. Da entsteht eine neue Form der Wertschöpfung.

ZEIT: Brauchen wir in einer solchen Phase nicht so etwas wie eine Maschinensteuer?

Von Mutius: Ich weiß es nicht. Das Problem ist ja, dass wir es mit Mensch-Maschine-Kopplungen zu tun haben. Dass also die Maschinen nicht getrennt wie in einem Maschinenpark stehen, sondern Dienstleistungen wie etwa Online-Videotheken um sie herum entwickelt werden. Schwer zu unterscheiden, wo die Maschine anfängt und wo sie aufhört. Entwickelt man eine steuerliche Lösung, müsste man sie erst mal auf einzelnen Feldern ausprobieren und dann durchrechnen. Wichtig ist, solche Antworten über nationale und europäische Grenzen hinweg zu entwickeln. Amerika hat ja das Problem auch. Wir wissen, dass in Kalifornien sowohl das Mekka von Hightech ist als auch die soziale Spaltung besonders groß ist …

ZEIT: … während Google und Co. kaum Steuern zahlen.

Von Mutius: Ja. Jetzt ist eine gute Zeit, um international über eine andere Verteilung zu reden, aber nicht mit dem Ton des Besserwisserischen und rein Technischen, sondern mit Blick auf eine neue Lösung der sozialen Frage.

ZEIT: Was ist am heutigen Technologiesprung anders als an der Dampfmaschine?

Von Mutius: Die Vernetzung mit ihrer Innovationskraft dringt in alle Bereiche. Damit sind neue Verhaltensweisen verbunden, die Unternehmen verändern. Offenheit zum Beispiel, Transparenz und Teilen. Und genau an der Stelle liegt die Möglichkeit, der neuen Technologie etwas Sinnstiftendes zu geben. Es geht nicht darum, die Entwicklung abzuwehren, sondern den Kern des Wandels zu erkennen, damit wir dem Neuen eine Qualität abgewinnen und es nicht nur mechanisch nachäffen.

ZEIT: Wie federn wir die negativen Folgen ab?

Von Mutius: Jedenfalls nicht, indem wir alles verhindern wollen. Es darf nicht zur Trennung kommen zwischen der von McKinsey unterstützten Davos-Elite, die jetzt von sieben fetten Jahren spricht, und einem Großteil der bangen Belegschaft. Wer es zuerst schafft, dieses Schisma zu überwinden, der kann den digitalen Wandel beschleunigen.

ZEIT: Deutschland fühlt sich recht stark. Wie gut ist das Land im Umgang mit dem Neuen?

Von Mutius: Der Mittelstand ist hoch flexibel. Dazu kommen die Tüftlerfähigkeit, die Ausdauer und die Idee der Mitbestimmung und des verantwortlichen Handelns. Das alles schenkt uns derzeit eine gute Ausgangsposition. Die Kunst ist, stärker auf digitalen Wandel zu setzen und gleichzeitig die Position des Einzelnen zu stärken. Dann haben wir eine große Chance.

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