Silicon Valley: Aus der Nähe sehen sie ganz friedlich aus

Dank an R.B.

Der „Springer“-Mann Christoph Keese hat sich das Silicon Valley genauer angesehen. Sein Bericht aus dem Machtzentrum enthält Details, die einem Angst machen können. Deshalb sollte man das Buch lesen.

19.09.2014, von Michael Hanfeld, FAZ

 Silicon Valley Auf den ersten Blick enttäuschend, aber wer mit Christoph Keese genau hinsieht, versteht Silicon Valley.

Wegen des Wohnwerts zieht Christoph Keese nicht mit seiner Familie für ein halbes Jahr nach Palo Alto. Die Landschaft ist zwar spektakulär, die Architektur aber ist grauenhaft. Die Bürogebäude: „Pappschachteln aus Beton“, eine neben der anderen. Die privaten Domizile: stilisierter Pomp. San Francisco würde naheliegen, Berkeley vielleicht. Aber Palo Alto? Ja, Palo Alto, denn Keese ist nicht zum Vergnügen hier. Er unternimmt eine Forschungsreise. Sie führt ihn auf einen anderen Planeten und zugleich ins neue Machtzentrum der Welt.

Michael Hanfeld  

Denn hier hocken sie alle – die großen Internetkonzerne, die kleinen Start-ups und die Finanziers des digitalen Wandels. Hier leben und arbeiten die, die über uns so gut wie alles wissen, während sie von sich selbst so gut wie nichts preisgeben. Sie verdienen mit unseren Daten Milliarden, beherrschen den Informationskreislauf, sind aber weder per E-Mail noch per Handy zu erreichen. Man muss den neuen Herren der Welt auf die Pelle rücken, um genau zu erfahren, warum und wie sie die bestehenden gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse aus den Angeln heben.

Man muss ihr Nachbar sein, man muss zum Barbecue gehen, die Kinder müssen auf derselben Schule angemeldet werden. Plötzlich ist man drin. Christoph Keese war drin. Was er erfahren hat, verrät er in seinem ebenso leichthändig formulierten wie tiefgründig lehrreichen Buch „Silicon Valley“ (Knaus Verlag, 19,99 Euro).

Klassenausflug nach Kalifornien

Was sich in diesem Tal, in diesem Städtchen tut, ist zunächst einmal beeindruckend, im Kleinen wie im Großen. Es gibt ein geradezu dörflich anmutendes Gemeinschaftsleben, die Firmen sind scheinbar organisiert wie große Familien, man hilft sich, vermittelt Kontakte, teilt sein Wissen, jeder weiß, woran der andere gerade arbeitet, und das Ganze ist geprägt von Wagemut und Effizienz und führt zu Produkten, die sich weltweit verkaufen und Märkte neu definieren. Zu jedem Bedürfnis eine App, zu jedem Wunsch, von dem wir noch gar nichts wissen, die Erfüllung im Handumdrehen. Und die Menschen lieben, was sie bekommen, und sie denken nicht darüber nach, was sie dafür aufgeben – ihre Privatsphäre, ihre Jobs, ihre Freiheit.

Die großen Internetkonzerne, schreibt Christoph Keese, seien „gefürchtet für ihren Willen, den Rest der Welt in digitale Kolonien ohne Mitspracherecht zu verwandeln“. Aus der Nähe aber sehen sie ganz friedlich aus. Und alle wollen nur das Beste für uns und für die Welt – die Entwickler, die Unternehmer, die Risikokapitalgeber und die Universitätslehrer von Stanford, die mit den Konzernen eng verbunden sind. Alle, die Christoph Keese trifft, haben eine Mission. Welche Folgen diese für den Rest der Menschheit hat, verrät Keese am Ende auch.

Die Dienstreise, die der Executive Vice President von Axel Springer gemeinsam mit dem „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann und zwei weiteren Managern ins Silicon Valley unternommen hat und von der dieses Buch handelt, ist hierzulande anfangs belächelt worden, als kauziger Klassenausflug nach Kalifornien. Dass es sich aber um einen lehrreichen Trip handelte, beweist inzwischen Springers Investitionspolitik: Gesucht sind Möglichkeiten, im Digitalen Erfolg zu haben und Geld zu verdienen.

Tempo vor Perfektion

Etwa mit dem Joint Venture „Politico“, der europäischen Ausgabe einer in den Vereinigten Staaten sehr einflussreichen journalistischen Website. So etwas zu probieren dürfte eine der Lehren sein, die Keese für Springer aus seiner Reise gezogen hat. Sein Buch aber handelt von Lehren, die alle ziehen können. Es zeigt, was viele von den Konzernen aus Palo Alto zu befürchten haben: die totale Übernahme. Nach der Presse sind die Banken und die Automobilkonzerne dran, eine Branche nach der anderen wird folgen.

Die Internetkonzerne wachsen ins Unermessliche, kaufen Konkurrenten auf, legen Start-ups, die ihnen gefährlich werden könnten, lahm, bezahlen keine Steuern, unterliegen in Amerika kaum rechtlichen Restriktionen, errichten Monopole und führen den Kapitalismus ad absurdum. Das Arbeitsleben aller, die nicht für den Staat arbeiten und in gesicherten Verhältnissen leben, ändert sich grundlegend. Aus Geistesarbeitern werden Klickworker, die rund um die Uhr auf dem ganzen Globus verteilt für Pfennigbeträge angeheuert werden. Die Politik hat erst begonnen zu verstehen, was das in seiner Gesamtheit bedeutet. Europa steht vor der Wahl, dieser Okkupation zu begegnen.

Christoph Keese hat die Weiterungen der digitalen Debatte verstanden, er klappert alle ab, die etwas dazu sagen können, und legt luzide dar, was Konzerne wie Google, Apple, Amazon, Facebook und Co. dem Rest der Welt voraushaben: Techniker und Ingenieure definieren, wie die Welt zu sein hat. Jederzeit kann alles umgestoßen werden, man muss sich selbst umstandslos in Frage stellen können, „disruptive Innovation“ nennt sich das. Tempo geht vor Perfektion. Neun von zehn Start-ups floppen, doch das macht nichts.

Generalappell an die Politik

Man muss in Plattformen denken. Je größer die Plattform, je größer das Netzwerk, desto größer der Nutzen für den Kunden, desto größer seine Bereitschaft, alles von sich preiszugeben, um noch mehr Bequemlichkeit und Nützlichkeiten willen. Dass diejenigen, die etwas Reales produzieren, „schnell ins Abseits“ geraten, wie Keese schreibt, versteht sich. Es geraten alle ins Abseits, deren Leben sich jenseits der Grenzen von Palo Alto abspielt, angefangen von den Bewohnern San Franciscos, die von den gutbezahlten Techies aus dem Silicon Valley aus ihren Wohnungen verdrängt werden.

Christoph Keese beschreibt und analysiert all dies, ohne larmoyant zu werden. Er scheint daran zu glauben, dass aus der Netzwerk-Ökonomie noch etwas anderes als eine Konzerndiktatur werden kann. Wir sollten uns, schreibt Keese, „von Serverschiffen, Datendrohnen und Kamerasatelliten nicht einschüchtern lassen. Dass Infrastruktur virtuell geworden ist, heißt nicht, dass wir sie nicht trotzdem im Sinne Erhards regulieren können.“ Sinnvoll regulieren, um Freiheit zu bewahren, darin besteht Keeses Generalappell an die Politik. Unternehmern und Managern gibt er in seinem Buch reichlich Anschauungsmaterial, sich bei den Konzernen im Silicon Valley Techniken abzuschauen.

Für eine Bilanz der Digitalisierung sei es noch zu früh. Wenn es sie gibt, so Keese, wird sie „vor allem eine Bilanz unseres Willens, Grundsätze zu formulieren und Freiheit zu schaffen“, sein. Ob schließlich Deutschland „das Land der Ideen“ bleibt oder aufs Neue wird, also die Herausforderung des Silicon Valley begreift und meistert, könnte auch davon abhängen, wie viele Menschen dieses Buch lesen. Es sollten viele sein.

 

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