Gesund muss der Chef aussehen, klug nicht!

06.11.2014 | 10:14 | Jürgen Langenbach (Die Presse)

Von des Gedankens Blässe sollten Führungskräfte sich nicht angekränkelt zeigen, im Gegenteil, Kraft muss die Gesichtsfarbe ausstrahlen. Meist: Nur für Kooperation ist Intelligenz gefragt.

Hart und kantig, lang gezogen, doch in der Mitte breit, mit einem Wort: So richtig männlich muss ein Gesicht sein, wenn es Erfolg haben will – bei den Frauen, aber auch in der Politik: Männer mit Babyface haben bei Wahlen kaum Chancen. Das stand hier schon oft zu lesen, aber in Gesichtern steht ja noch anderes geschrieben, die Gesundheit etwa oder die Intelligenz, sie spielen bei der Wahl des Führungspersonals durch die Geführten mit, man darf es wenigstens vermuten.

Brian Spisak (Management und Organisation, Uni Amsterdam) hat es nun getestet, an Kandidaten für Führungspositionen in der Wirtschaft. Die waren fiktiv, man hat zunächst aus drei Fotos von Studenten am PC ein Mustergesicht konstruiert und das dann von 148 Probanden beurteilen lassen. Ausgangspunkt war die Vermutung, dass für unterschiedliche Führungsaufgaben unterschiedliche Charaktere geeignet sind und dass die Untergebenen bzw. Mitarbeiter diese auch sehen wollen. Wenn es etwa in einen Kampf geht („Raiding“), werden kräftige und Gesundheit ausstrahlende Gesichter ihren Truppen Vertrauen einflößen, natürlich auch, wenn es um Kämpfe zwischen Unternehmen geht.

Ist hingegen Kooperation gefragt („Trading“), werden eher kluge Verhandler Erfolg haben. Ähnlich bei „Exploration vs. Exploitation“: Das Finden eines Öl- oder Geschäftsfeldes erfordert andere Talente als das Ausbeuten. Aber ist das so? Beim Kämpfen war es einmal so, als es Mann gegen Mann ging, in Übernahmeschlachten in der Wirtschaft sitzen die Akteure allenfalls vor Computern und manipulieren die Aktienkurse der anderen etc. Braucht es dazu Gesundheit oder Geist?

„Raiding“? Kraft! „Trading“? Geist!

Gesundheit braucht es, entschieden die Testpersonen in Spisaks Labor: Der hat das Mustergesicht in zwei Hinsichten modifiziert, er hat ihm entweder eine gesündere oder blassere Hautfarbe verpasst, als Maß für die Gesundheit. Oder er hat es mehr oder weniger intelligent ausschauen lassen. Dann hat er die Testpersonen wissen lassen, um welche Führungsaufgabe es geht, Raiding, Trading, Exploration, Exploitation. Fast immer wurde nach der Farbe des Gesichts entschieden, also nach der mutmaßlichen Gesundheit, sie wurde in 69 Prozent aller Fälle bevorzugt, weit vor der ins Gesicht geschriebenen Intelligenz.

Die konnte nur mithalten, wenn es bei der Führungsaufgabe um Kooperation (Trading) ging, in allen anderen Fällen sollte das Gesicht nicht von des Gedankens Blässe angekränkelt sein, sondern kraftvoll strahlen (Frontiers in Human Neuroscience, 5. 11.). „Wer sich Hoffnungen auf Führungspositionen macht, für den zahlt es sich aus, gesund auszusehen. Das erklärt, warum Politiker und Wirtschaftsführer so viel Zeit und Geld in ihr Erscheinungsbild investieren“, schließt Spisak. Für die Geführten bzw. ihre Institutionen hingegen zahlt es sich nicht immer aus, das „face for all seasons“: Die Hälfte aller Unternehmenszusammenschlüsse und Firmenkäufe geht schief, und manche gehen deshalb schief, weil statt eines kundigen Verhandlers ein Kraftprotz an der Spitze steht.

 

Advertisements

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: