In guter Gesellschaft …

19. November 2012

Alexander Schön

Serie Realitätsverweigerung #6

Alexander Schön, 19.11.2012

Kaum war der US-Wahlkampf vorbei, begann bei den Verlierern – wie überraschend – die Suche nach den Schuldigen für die Niederlage. Die Republikaner (die Grand Old Party wie sie auch genannt wird), sei eine Partei „weißer, alter Männer in einem Land, das immer weniger weiß ist“, hieß es seitens der Analysten. Landesweit hätten etwa 60 Prozent der Weißen Mitt Romney gewählt. Gewonnen hätte Barack Obama deshalb, weil er die Stimmen der Jungen, der Frauen, der Schwarzen, der Latinos und der Asiaten bekam.
Nun ist es ja nicht so, dass die demografischen Fakten nicht bekannt gewesen wären. Es brauchte auch keine großartigen wissenschaft- lichen Analysen der Daten, und trotzdem wurden diese Realitäten im Wahlkampf – gemessen am Ergebnis – offensichtlich ignoriert.

Dieses Phänomen ist auch in Unternehmen zu beobachten. In den meisten Fällen weiß man, warum eine Produkteinführung schief gegangen, eine IT-Umstellung misslungen ist, oder man einen Kunden oder Marktanteile verloren hat, usw. Ebenso sind die Konsequenzen der demografischen Entwicklungen seit vielen Jahren evident – egal, ob es sich um die alternde Belegschaft oder den (im Übrigen hausgemachten) Fachkräftemangel handelt. Ernsthafte Reaktionen findet man selten.

Aber auch wir als Individuen sind nicht davor gefeit. Hand auf’s Herz: Sind Sie ein guter Autofahrer? Dann sind Sie in guter Gesellschaft – die breite Mehrheit von uns hält sich für überdurchschnittlich gute Fahrer. Allerdings sind wir alle ziemlich miserabel, wenn es um Selbsteinschätzung geht. Und das gilt nicht nur für’s Autofahren. Die Kluft zwischen Eigen- und Fremdbild ist mitunter eklatant. In der psychologischen Literatur wird dieses Phänomen als positive Illusion bezeichnet.

Kognitiv ist die Anerkennung von Fakten selten ein Problem – aber wie steht’s um die emotionale Anerkenntnis? Wer je etwas gekauft oder verkauft hat weiß: Emotionen sind stärker als der Verstand. Unser Verstand kann zwar Emotionen unterdrücken, aber da beginnt schon die Realitätsverweigerung. Read the rest of this entry »